Visual Marthe 01

#Frühling

Prolog …

1
Es hatte angefangen zu regnen.
Dicke Tropfen fielen unaufhaltsam
von den Zweigen der Bäume. Der Himmel
erstreckte sich in ein endloses Grau.
Marthe saß allein in ihrem Zimmer und dachte
in die Stille hinein, die nur durch das Knistern
des Karminfeuers durchbrochen wurde. Frühling?
Frühling bedeutet wärmende Sonnenstrahlen,
Vogelgezwitscher und endlich wieder
das weiß-blaue Kleid anziehen zu können!
Über Nacht sollte der Frühling kommen,
morgen sollte Frühlingsanfang sein!
Marthe zweifelte und schaute zum Fenster:
Etwas tun, was ich noch nie getan habe,
etwas sein, was ich nie sein kann, ein Haus sein,
murmelte Marthe und betrachtete das Haus
gegenüber oder ein Gemälde sein …
vielleicht etwas schreiben?

2
Das Haus gegenüber war bereits eingeschlafen.
Und die angrenzenden Berge, deren Umrisse
sich nur schwach vom Dunkel des Himmels
abzeichneten, sahen wie der gezackte Schwanz
eines schlafenden Drachen aus. Es war spät
geworden. Halb elf. Regen fiel immer noch
gleichförmig auf die Erde. Doch Marthe konnte
nicht schlafen – sie war zu aufgeregt.
Ich werde schreiben! Schreiben gleicht
Geschichten zu erzählen, gleicht Träume …
gleicht einen Garten aus Buchstaben anzulegen!
Morgen werde ich mir die nötigen Dinge
dafür besorgen, gleich morgen werde ich
Gärtner werden!

3
Am nächsten Morgen war es nicht grüner
als die anderen Tage zuvor. Der Drache
der Nacht schlief noch immer, hatte aber
ein weißes Fell bekommen: der Regen war
in den Bergen als Neuschnee gefallen.
Tiefhängende Wolken bedeckten ihn,
so daß er noch einige Zeit sorglos
weiterschlafen konnte. Die Sonne hingegen
schien Mitleid mit Marthe zu haben
und fiel mit matten Strahlen auf das Kissen
im Sessel. Marthe trank langsam ihren Kaffee
und schrieb auf ein Stück Papier die Dinge,
die sie in der Stadt kaufen wollte …

#lpc